Alles, was ihm blieb, war ein Turnbeutel

Wenn Herr C. aus Stuttgart an seine Kindheit denkt, fällt ihm nicht viel Schönes ein. Er hat schon immer Musik geliebt. Weil zuhause das Geld knapp war, ist er in die Innenstadt „zu Müller“ gefahren und hat dort die neuesten CDs durchgehört. Daran erinnert er sich gerne. Schule war nicht sein Ding. Seiner Mutter, sie war alleinerziehend, sei das egal gewesen. „Sie hat sich für unsere Erziehung nicht interessiert“, sagt Herr C.

Als er etwa neun Jahre alt war, habe sie angefangen, ihn und seine jüngere Schwester alleine zu lassen. „Ein Tag ist ja okay, aber ein ganzes Wochenende ist schon anders“, sagt der 35-Jährige. Auch eine Woche sei vorgekommen. Er habe früh erwachsen werden müssen. Wenn sie alleine waren, habe er für seine Schwester und sich gekocht: Nudeln mit einer Tomatenmarksoße, Käsenudeln, gefüllte Teigtaschen. Manchmal gab es auch Sandwiches. „Wir haben nicht gehungert.“ Auch wenn es so ausgesehen habe. Er sei schon immer dünn gewesen.

In der Haft schrieb er ein Kochbuch

Herr C. hat keinen Kontakt mehr zu seiner Mutter. Sein eigenes Leben ist aus dem Tritt geraten. Dabei war es nach der Schule noch in der Spur. Seine Ausbildung zum Groß- und Einzelhandelskaufmann schloss er erfolgreich ab. Er sei gut in dem Job gewesen. „Ich kommuniziere sehr gerne mit Menschen.“ Das ist auch jetzt noch so.

Dann fing er mit Sachen an, auf die er nicht stolz ist. Gemeinsam mit Freunden habe er Cannabis verkauft. „Ich habe meine Strafe bekommen“, sagt Herr C. 2021 kam er ins Gefängnis, da war er frisch verheiratet. In Haft schrieb er ein Kochbuch – mit Gerichten, die man mit dem Wasserkocher zubereiten kann. An kreativen Ideen mangelt es ihm nicht.

Doch dann erlitt er einen Bandscheibenvorfall. Der Gefängnisarzt verschrieb ihm ein Opiat, das er bis zur Entlassung bekam. Viel zu lang. Dass man es hätte ausschleichen müssen, erfuhr Herr C. nicht, sagt er. Er wurde ohne Medikament entlassen. Man habe ihm auch nicht gesagt, dass er zum Arzt müsse. Dass er längst abhängig war, spürte er zuhause.

Seine Frau sei „total erschrocken“ gewesen, als die Entzugserscheinungen einsetzten. „Ich konnte nicht mehr schlafen“, sagt Herr C. Sie habe ihn ins Krankenhaus eingewiesen. Als er entlassen wurde, habe er direkt mit der Substitution angefangen. Heute bereut er, nicht gleich entzogen zu haben. Dann wäre er schon damit durch, glaubt er. Gerade ist er dabei, das Substitutionsmedikament unter ärztlicher Aufsicht auszuschleichen. Anfang 2026 sei es geschafft. Dann ist er frei. Da er wieder im Einzelhandel arbeiten will, und er auch als Schauspieler schon erste Erfahrungen gemacht hat, ist das wichtig.

Mit der 91-jährigen Nachbarin trifft er sich immer noch

Nach seiner Entlassung hatten seine Frau und er sich einen Hund gekauft, mit dem Herr C. täglich lange rausging. Er vermisst seinen Hund. Seine Ex-Frau vermisst er nicht. Die Beziehung ging nicht gut auseinander. Zwar durfte er zunächst alleine in der Wohnung bleiben, die der Familie seiner Frau gehörte, aber dann wurde ihm doch gekündigt. Er habe versucht, eine andere Wohnung zu finden, vergeblich. Er wäre so gerne in der Wohngegend geblieben. Vor allem eine 91-jährige Nachbarin ist ihm ans Herz gewachsen. Täglich haben sie gemeinsam eine Runde gedreht. Weiterhin besucht er sie einmal die Woche. Dann essen sie zusammen Mittag.

In diesem Sommer wurde die Wohnung von Herr C. geräumt – ein traumatisches Erlebnis für ihn. Er war wenige Wochen zuvor schwer im Treppenhaus gestürzt. Er habe bei der Räumung nur einige Sachen in einem Turnbeutel verstauen können, mehr konnte er wegen seines Gipses und der Krücken nicht tragen. Dann stand er auf der Straße. Tageweise schlief er draußen, tageweise in Notunterkünften, manchmal auch in einem günstigen Hotel, wenn die Situation für ihn unerträglich wurde. Über Wochen ging das so.

Bis er im August den Platz im Männerwohnheim bekam. Seine Knieverletzung ist nicht gut verheilt. Der 35-Jährige humpelt. Aber er macht viel Sport. Jeden Morgen, das gehört zu seiner Routine. Weil er bei der Räumung den Großteil seiner Kleidung verlor, hat ein Sozialarbeiter des Wohnheims sich hilfesuchend an die Aktion Weihnachten gewandt und darum gebeten, den Kauf von Kleidung und von Schuhen zu ermöglichen.

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