„Viel passiert, was nicht so gut war“ – Rebecca lebte als Kind auf der Straße

Rebecca hat ihre Familie verloren, als sie elf Jahre alt war. Als sie zwölf war, fand sie eine neue – auf der Straße. In der Inobhutnahmestelle, für sie ein Ort „voller Gewalt“, hatte sie es nicht mehr ausgehalten. Gemeinsam mit einem anderen Mädchen lief sie weg – nach Stuttgart. Dort schlossen sie sich jungen Punks an.

Ihre Eltern hatten sich getrennt, als Rebecca kurz vorm Wechsel aufs Gymnasium war. Der Vater habe der Mutter anschließend nachgestellt und mehrfach versucht, in die Wohnung zu kommen. Das habe ihre Mutter sehr geängstigt. Sie fing an zu trinken. Rebecca glaubt nicht, dass ihre Mutter schwere Alkoholikerin war, aber sie habe es übertrieben. Wenn sie betrunken war, wurde es laut. Die Nachbarn meldeten die Familie dem Jugendamt. „Dabei ist nie etwas passiert!“

Bis doch etwas passierte. Rebecca erzählt, wie sie ihre Mutter in der Küche auf dem Boden vorfand, ein Messer in der Hand. Sie habe nicht auf Ansprache reagiert. Die Tochter rief den Notruf. Da sei ihre Mutter mit dem Messer auf sie zugelaufen. Rebecca weiß noch, wie sie sich ihren kleinen Bruder schnappte und sie sich im Bad einschlossen.

Rückblickend sei es richtig gewesen, dass man sie beide in Obhut genommen habe. „Aber wir wollten nicht weg.“ Sie fühlte sich schuldig, auch die Mutter habe sie als Schuldige ausgemacht: Sie habe „die Familie kaputt gemacht“. Rebecca brauchte ein Ventil, begann sich zu ritzen. Die Pflegefamilie gab ihr keinen Halt. Als der Pflegevater ihren kleinen Bruder mit dem Wischmopp schlug, eskalierte der Streit. Anschließend kam sie in die Inobhutnahmestelle.

Rebecca ist gerade auf der Suche nach einer Traumatherapie, um ihre Kindheit und die Erlebnisse auf der Straße aufzuarbeiten. „Da ist super viel passiert, was auch nicht so gut war.“ Sie war zwölf, als sie das erste Mal im Schlupfwinkel aufschlug, eine Anlaufstelle für Straßenkinder in Stuttgart. Damals trank sie schon. Alkohol sei all die Jahre ihr Hauptsuchtmittel gewesen. Im Sommer schlief sie draußen, sonst in Kellern, auch mal bei Freunden. Sie ernährte sich von dem, was sie geschenkt bekam: aß Döner, obwohl sie Vegetarierin ist. Oft gab es nur Kekse.

Schwer, eine Zimmerdecke über sich zu haben

Mehrfach wurde sie von der Polizei aufgegriffen und zum Jugendamt gebracht. Einmal kam sie in ein Heim in München, ging auf die Hauptschule, war unterfordert. Dann war sie wieder weg. Sie lebte in Berlin, im Saarland, in einem Zelt im Hambacher Forst.

Mit Ende 16 kehrte sie zurück in die Heimat. Sie zog zu ihrer Liebe, verstand sich gut mit der Familie, die sie willkommen hieß. Die Mutter überreichte ihr sogar einen eigenen Schlüssel – das beste Geschenk. Anfangs sei es schwer gewesen, eine Zimmerdecke über sich zu haben, aber dann genoss sie es. Sie meldete sich mit 17 zur Schulfremdenprüfung an, machte den Hauptschulabschluss. Ihr Schnitt: 2,0 – ohne Vorbereitung.

Als die Beziehung zerbrach, zerbrach auch etwas in ihr. Rebecca wechselte ins betreute Jugendwohnen, trank nun noch mehr. Mit zitternder Hand kippte sie morgens Rum in den Kaffee. Einmal lag sie auf dem Teppichboden, in der einen Hand den Eimer, in der anderen die Flasche. Es war eine „Zeit voller Entgiftungen“. Auf Fotos hat sie dunkle Augenringe, ganz anders als heute. Aus dem betreuten Jugendwohnen musste sie an ihrem 21. Geburtstag ausziehen. Sie kam bei einer Freundin unter, die Kostümbild studiert. Rebecca macht viel Kunst, das verbindet. Ihre Sachen konnte sie in einem Kellerraum unterstellen. Als die Freundin für ein Semester ins Ausland ging, musste sie ausziehen. Sie kam für drei Monate in einer Notunterkunft unter.

„Ich bin der Anker für meinen kleinen Bruder“

Im Spätsommer 2024 kollabierte sie. Ein Arzt sagte der 21-Jährigen in der Klinik: Ihr Herz sei durch den Alkohol geschädigt und schwach. Wenn sie so weiter mache, sei es bald vorbei. Da wurde Rebecca klar: „Ich muss mich aufraffen. Ich will noch so viele Dinge tun.“ Außerdem war da ja noch jemand: „Ich bin der Anker für meinen kleinen Bruder.“ Weil sie nicht auf einen Therapieplatz warten wollte, entzog sie alleine.

Seit September 2024 hat sie keinen Alkohol mehr getrunken. Im Januar hörte sie auf zu rauchen, trinkt auch keinen Kaffee mehr. „Ich bin jetzt Straight Edge“, sagt die 22-Jährige. Der Lebensstil geht mit totaler Abstinenz einher. Ihr Teint ist frisch, die Hände zittern nicht mehr. Und noch etwas hat sich geändert. Sie hat endlich ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft gefunden – eines ganz für sich! Sie weiß alles zu schätzen: ihr Bett, die Dusche, den Herd, auf dem sie kochen kann, wann sie will. Sie kann es kaum erwarten, ihre Sachen aus dem Keller zu holen. Davor muss sie aber die ausstehende Miete begleichen. Der Schlupfwinkel hat die Aktion Weihnachten gebeten, die Mietkosten für das zweite Halbjahr 2025 zu übernehmen.

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