Ehemaliger Filialleiter hat „alles verloren“ – Frau, Job, Haus, Besitztümer

Das Leben von Herrn D. schien lange nur eine Richtung zu kennen – bergauf. „Ich hatte alles“, sagt der 53-Jährige. Eine Frau, zwei Kinder, ein Haus, zwei Autos. Zweimal im Jahr machte die Familie Urlaub. 3800 Euro netto habe er verdient als Filialleiter bei einem Discounter. Doch dann verließ ihn seine Frau, weil sie einen anderen hatte – seinen besten Freund. „Da habe ich meinen Weg verloren“, sagt Herr D.

Wobei seine Probleme nicht erst mit der Scheidung losgingen. Herr D. war schon zuvor dem Kokain verfallen. Über die Technoszene war er ursprünglich mit der aufputschenden Droge in Berührung gekommen. Als junger Mann zog er seine erste Line, schleichend konsumierte er immer mehr. Das sollte erstaunlich lange gut gehen. Herr D. machte Karriere nach seiner Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann. Er arbeitete sich hoch, wurde von der Konkurrenz als Filialleiter abgeworben. Er hatte ein Händchen für sein Team und und konnte gut mit den Auszubildenden. Doch irgendwann wurde die Droge sein Begleiter durch die 60-Stunden-Arbeitswoche. Und auch im Team fiel auf, dass mit dem Chef etwas nicht stimmte.

Drei bis fünf Gramm Kokain pro Tag

„Es ist tückisch, mit Kokain denken Sie, Sie sind unkaputtbar“, erklärt er das Gefühl, das ihm die Droge verlieh. Aber Kokain mache auch „größenwahnsinnig“. Herr D. dachte, ihm könne nichts passieren. Als seine Frau sich trennte, brach alles zusammen. Er verlor auch noch den Job. Vor dem Arbeitsgericht konnte er zwar noch einen Vergleich erzielen, aber das Geld, was er da rausholte, ging ebenfalls anschließend fürs Kokain drauf. Ihm fehlte der Sinn. Er habe sich immer übers Arbeiten definiert.

Zuletzt habe er zwischen drei und fünf Gramm der Droge pro Tag gebraucht – und zusätzlich noch viel Alkohol getrunken. Hochverschuldet verlor er schließlich das Haus, die Autos, den Hausstand, darunter auch sein geliebtes Fahrrad, mit dem er früher regelmäßig nach der Arbeit durch die Weinberge gefahren war. Herr D. wurde obdachlos. Er schlief in seiner Heimatstadt draußen „am Bahnhof“.

Seit Sommer 2024 lebt Herr D. nun in einem Aufnahmehaus für Wohnungslose in der Region Stuttgart. Wäre er dort nicht gelandet, „wäre ich nicht mehr da“, ist er überzeugt. Inzwischen weiß er, dass er noch bis zum nächsten Sommer bleiben kann. Das beruhigt ihn. Es hat gedauert, bis er Hilfe annehmen konnte. Aber inzwischen weiß er, ohne Hilfe geht es nicht. Er kann nicht mehr alleine leben, bräuchte auch in Zukunft einen Platz im betreuten Wohnen. Er kennt sich selbst inzwischen gut: Ihm würde wieder alles entgleiten.

Auch wenn er inzwischen kein Kokain mehr nimmt – er leidet an den Folgen des jahrelangen Drogenkonsums. Kokain greift die Zahngesundheit an. Herr D. hat nur noch fünf Zähne, der Rest sei auf einmal ausgefallen. Auch die fünf verbliebenen Zähne seien alle locker. Herr D. ernährt sich deshalb gerade vor allem von weichem Müsli. Da muss man nicht so viel kauen. Auch sein Gehirn hat durch den Kokainkonsum Schaden genommen. Sein Kurzzeitgedächtnis funktioniert nicht mehr. Sich damit abzufinden, war hart für ihn. Im Geschäft habe man ihn früher immer nur „The Brain“ genannt, weil er sich alles so gut hatte merken können.

Das Geld geht schnell weg, wenn man kokainsüchtig ist.
Foto: IMAGO/Bihlmayerfotografie

Sein herausragendes Gedächtnis gehörte zu seinem Selbstbild. Vorbei. Aber Herr D. will nicht lamentieren. „Es ist nicht alles verloren“, sagt er sich. Er ist dabei, sich zu berappeln. Er hofft, wieder Kontakt zu seinen Kindern aufbauen zu können, die diesen aus Selbstschutz abgebrochen hatten. Außerdem will er unbedingt einen 1,50-Euro-Job aufnehmen, um wieder mehr Struktur ins Leben zu bekommen. Der Termin bei einem Träger steht schon. Ihm fehlen die sozialen Kontakte. Außerdem fehle es ihm, „etwas zu schaffen“. Wenn er nichts zu tun habe, drehe sich das Gedankenkarussell. In seinem Zimmer falle ihm „die Decke auf den Kopf“.

Vom Aufnahmehaus aus blickt man auf einen Weinberg

Wenn er vor dem Aufnahmehaus steht, blickt er auf einen Weinberg. Da will er rauf. Am liebsten mit dem Fahrrad. Auf dem Rad vergesse man die traurigen Gedanken. Und wenn er sich bewegt, so die Hoffnung, trinkt er auch weniger Alkohol. Zu der Arbeitsgelegenheit könnte er ebenfalls mit dem Rad fahren. Das Aufnahmehaus unterstützt Herrn D. dabei, seinem Leben wieder eine neue Richtung zu geben. Eine Sozialarbeiterin hat ein Fahrrad für Herrn D. bei der Aktion Weihnachten beantragt. Wir wollen ihm den Wunsch erfüllen. Es soll für Herrn D. wieder bergauf gehen.

So können Sie spenden

Spende Unter folgendem Link können Sie direkt und unkompliziert online für die Benefizaktion Aktion Weihnachten spenden: stn-hilft.de. Wer selbst überweisen will, die Konten lauten: Baden-Württembergische Bank, IBAN DE04 6005 0101 0002 3423 40, oder Schwäbische Bank, IBAN DE85 6002 0100 0000 0063 00. Sachspenden können wir aus logistischen Gründen leider nicht annehmen.

VereinDie Aktion Weihnachten leistet seit 54 Jahren unkompliziert Nothilfe. Außerdem fördert sie soziale Projekte in Stuttgart und der Region. Ermöglicht wird dies durch die großzügigen Spenden unserer Leserinnen und Leser sowie engagierter Unternehmen und Stiftungen. Alle Artikel zur laufenden Spendenaktion finden Sie unter www.aktionweihnachten.de.