Herr H. ernährt sich, als wäre er ein alter Mann. Dabei ist er gerade mal 28 Jahre alt. Nur weiche Kost kann er zu sich nehmen. Toastbrot, Suppen, Brei, Nudeln oder weich gekochtes Gemüse. Herr H. macht den Mund weit auf – und das Drama wird ersichtlich. Die unteren Backenzähne fehlen. „Ich habe sie zermalmt“, sagt Herr H.
Der Zahnverlust kommt von seinem Drogenkonsum. Das Kiefermalmen ist eine typische Folge, wenn man Amphetamine zu sich nimmt. Nicht nur dem Speed und Ecstasy ist Herr H. verfallen gewesen. „Ich bin polytoxisch“, sagt er. Er habe auch Kokain, Cannabis und teilweise auch Heroin genommen – alles, was ihm half zu vergessen. Als Kind wurde er von seinem Onkel missbraucht.
Herr H. hat acht Geschwister
Herr H. sei einer, „der einem einfach nur leid tun kann“. So beschreibt ihn eine Sozialarbeiterin bei einer Arbeitsmaßnahme, in der Herr H. war – bis ihn ein Psychiatrieaufenthalt zwang zu pausieren. In das Projekt wird er nicht zurückkehren können. Der Bund hat die Gelder gestrichen. Zum Jahresende wird es eingestellt. Menschen, die es sehr schwer haben, mit dem Leben zurecht zu kommen, haben von dem Angebot profitiert. Sie lernten dort, ins Arbeitsleben zurückzufinden, erhielten eine Tagesstruktur – und, was für viele sehr wichtig war, nicht nur das Deutschlandticket, sondern auch ein Vesper. Herr H. hat in der belasteten Gruppe mit seinem Schicksal noch mal herausgestochen.
Der junge Stuttgarter ist eines von neun Geschwistern. Die Eltern waren von Beginn an überfordert. Die Mutter hatte ein starkes Alkoholproblem und dürfte auch während der Schwangerschaften nicht abstinent gelebt haben. Herr H. kann sich nicht erinnern, dass sie sich zurücknahm. Der Vater verspielte sein Geld am Computer bei Spielen und Wetten. Als Herr H. etwa vier Jahre alt war, verließ die Mutter die Familie, weil sie sich neu verliebt hatte – ausgerechnet in einen Freund des Vaters.
Herr H. hat viele Amphetamine genommen.
Foto: imago/United Archives International
Herr H. erzählt von einer Kindheit „ohne Liebe und ohne Zuwendung“ und voller Hunger. Der Vater habe das Geld am Computer verzockt, statt seinen Kindern dafür essen zu kaufen. Als die Mutter weg war, begannen die Übergriffe des Onkels. Im Auto, zu Hause, auf dem Spielplatz vergriff er sich an seinem Neffen – und nicht nur an ihm. Auch einer seiner Brüder sei Opfer geworden, berichtet Herr H. Der eigene Vater schaute weg – er soll selbst eine seiner Töchter missbraucht haben.
Rund zwei Jahre soll das Martyrium der Kinder gedauert haben, dann griff das Jugendamt durch. Die neun Jungen und Mädchen wurden in Obhut genommen. Sie kamen in unterschiedliche Heime. Für Herrn H. war das schwer – seine Geschwister bedeuteten alles für ihn. Vor allem seine Zwillingsschwester. Sie ist die wichtigste Person in seinem Leben. Sie sei immer für ihn da, sagt er. Sie verurteile ihn auch nicht.
Herr H. hat als Kind und Jugendlicher in mehreren Einrichtungen gelebt, immer wieder Beziehungsabbrüche erlebt. Er war auch länger in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Anders als beim Vater gab es im Heim genug zu essen. Er wurde immer fülliger, fraß sich einen Schutzpanzer an. „Ich war ein Moppel“, sagt Herr H. Er hat 80 Kilogramm mehr als jetzt gewogen. Seit er im Substitutionsprogramm ist, hat er den Hunger verloren. Subutex, das Mittel, das er bekommt, führt zu Appetitlosigkeit.
Seine letzten beiden Jahre im Heim waren die besten. Da seien er und immerhin fünf seiner Geschwister in eine gemeinsame Wohngruppe gekommen. „Dadurch habe ich eine Familie“, sagt er. Sie hätten einen richtigen Zusammenhalt entwickelt. An seine Eltern kann er sich bis heute nicht wenden. Seine Mutter sei zwar vom Alkohol losgekommen, aber schwer psychisch krank. Das Verhältnis zum Vater ist zu belastet. Als er sich mit ihm aussprechen wollte, habe der nur abgeblockt. Aber seine Geschwister geben Herrn H., der in einem betreuten Wohnheim lebt, Halt.
Schon bald wird er eine neue Maßnahme beginnen, die sich gezielt an Drogenabhängige richtet. Das Jobcenter habe schon sein Okay gegeben, freut er sich. Aber davor muss er die Sache mit seinen Zähnen angehen. Doch den Eigenanteil der Behandlung kann er sich nicht leisten. Deshalb hat sich die Sozialarbeiterin mit Bitte um Unterstützung an die Aktion Weihnachten gewandt.
So können Sie spenden
SpendeUnter diesem Link können Sie direkt und unkompliziert für die Benefizaktion Aktion Weihnachten spenden: www.stn-hilft.de. Wer selbst überweisen will, die Konten lauten: Baden-Württembergische Bank, IBAN DE04 6005 0101 0002 3423 40, oder Schwäbische Bank, IBAN DE85 6002 0100 0000 0063 00. Sachspenden können wir aus logistischen Gründen leider nicht annehmen.
VereinDie Aktion Weihnachten leistet seit 54 Jahren unkompliziert Nothilfe. Außerdem fördert sie soziale Projekte in Stuttgart und der Region. Ermöglicht wird dies durch die großzügigen Spenden unserer Leserinnen und Leser sowie engagierter Unternehmen und Stiftungen. Alle Artikel zur laufenden Spendenaktion finden Sie unter www.aktionweihnachten.de
