„Fast aus dem Rolli geflogen“ – Hartmut W. braucht immer Hilfe für den Alltag

Der Wäschetrockner hat den Geist aufgegeben. Was für viele nach einem Luxusproblem klingen mag, bringt Hartmut W. in die Bredouille. Denn Wäsche zum Trocknen aufzuhängen, ist ihm wegen seiner Behinderung nicht möglich. Hartmut W. sitzt im Rollstuhl. Während der Schulzeit habe er noch ein paar Schritte gehen können, erzählt der 62-Jährige. Doch seit vielen Jahren schon hindern ihn seine verschiedenen körperlichen Beeinträchtigungen an einer Fortbewegung ohne Rollstuhl. Offener Rücken, Klumpfüße, seit einiger Zeit auch noch Dialyse – er muss mit vielen Einschränkungen leben.

Ab der zweiten Klasse spielte sich seine Schulzeit in einer Behinderteneinrichtung in Markgröningen im Kreis Ludwigsburg ab. Die Woche über war er dort, am Wochenende zuhause bei seinen Eltern im Rems-Murr-Kreis. Die Schulausbildung ging nahtlos in die Arbeit in der Behindertenwerkstatt der Einrichtung über. Dass er keinen Schulabschluss machen konnte, lag nicht an ihm: Das sei an der Schule damals schlicht „nicht möglich“ gewesen, erzählt er.

Früher war er noch viel allein unterwegs

Als junger Mann verließ Hartmut W. Markgröningen. Es folgten Jahre in verschiedenen Werkstätten und Einrichtungen. „Es gibt keine Behinderteneinrichtung in Baden-Württemberg, die ich nicht kenne“, sagt der 62-Jährige – halb im Spaß, halb im Ernst. Ernst ist es Hartmut W. auch, wenn er das System kritisiert. Denn er ist ein politischer Kopf: Die Werkstätten seien „eine bessere Beschäftigungstherapie“, kritisiert er, Firmen gäben für wenig Geld Aufträge dorthin. Auch beim Land sei dies gängige Praxis. Als er das gehört habe, sei er „fast aus dem Rolli geflogen“.

Überall lauern Hindernisse. Allein kann Hartmut W. deshalb nicht unterwegs sein.
Foto: Roberto Bulgrin/Archiv

Psychische Probleme führten irgendwann dazu, dass er nicht mehr in den Werkstätten arbeiten konnte. Und wegen seines zwiespältigen Verhältnisses zu diesen Einrichtungen stieg er auch später nicht wieder ein. Auch wenn ihn seine Lebensumstände extrem einschränken, würde Hartmut W. gerne regulär arbeiten, am liebsten „auf dem ersten Arbeitsmarkt“. Allerdings ist er für jede Unternehmung auf Assistenz angewiesen.

Früher sei er viel allein unterwegs gewesen – „wenn der Rolli funktioniert hat“. Er mag Kunst und Kultur im Allgemeinen und Musik im Besonderen – „außer Schlager und Techno“. Er hat sich bei den Grünen engagiert, kocht gerne, begeistert sich für Tiere und Natur, sang im Gospel-Chor. Dass Letzteres nicht mehr möglich ist, bedauert er sehr. Doch der Freund, der ihn immer mitgenommen hat, ist gestorben. „Jetzt holt mich keiner mehr ab“, sagt Hartmut W. Das ist einer der wenigen Momente während des Gesprächs, in dem er traurig klingt.

Die Taxi-Gutscheine sind immer schnell aufgebraucht

Seit er einmal mit dem Rollstuhl in ein Schlagloch geraten und gestürzt ist, traut er sich nicht mehr, auf eigene Faust auf Tour zu gehen. Es gibt zu viele Barrieren, seien es Türen, Stufen, Schlaglöcher oder Kopfsteinpflaster. Zwar stehen ihm Taxi-Gutscheine zu, doch es seien viel zu wenige. Sie seien immer schnell aufgebraucht. Und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Körperbehinderten-Vereins können meist nur das abdecken, was zu Fuß machbar ist. Auch zu den Jazz Open oder anderen Konzerten haben sie ihn schon begleitet.

Möchte Hartmut W. einen Ausflug machen oder gar in eine andere Stadt fahren, bedarf es umfangreicher Planung. Daran scheitert bislang etwa sein Wunsch, eine Freundin in Münster zu besuchen. Immerhin kommt seine Mutter immer wieder zu ihm, und sie unternehmen gemeinsam etwas. Ansonsten hat er nicht viele soziale Kontakte. Das fehlt ihm. Doch er ist froh, nach all den wechselnden Unterkünften seit etwa 15 Jahren eine eigene Wohnung zu haben – die erste seines Lebens. „Ich bin super happy, dass ich in Stuttgart bin“, sagt er. Auch wenn die Wohnung für Rollstuhlfahrer „nicht ideal“ sei. So sind die Hängeschränke so weit oben, dass er nur Dinge erreichen kann, die ganz vorne in den unteren Fächern stehen. Die Gefrierfächer seines Kühlschranks sind ebenfalls außerhalb seiner Reichweite. In der Wohnung sei manches nicht zu Ende gedacht, sagt auch der Sozialarbeiter. Trotzdem fühlt sich Hartmut W. dort wohl.

Wenn Hartmut W. Glück hat, kann ihn jemand zu Veranstaltungen wie die Jazz Open begleiten.
Foto: imago/Arnulf Hettrich/Archiv

Gleichwohl bleibt ein großer Wunsch: dass sich wieder jemand findet, der ihn regelmäßig zu Gospel im Osten abholt, damit er wieder aktiv am kulturellen Leben teilnehmen kann. Die Aktion Weihnachten bittet daher nicht nur um Spenden für den Wäschetrockner, sondern würde auch den Kontakt vermitteln (E-Mail: aktion-weihnachten@stuttgarter-nachrichten.de).

Sie wollen helfen? Auch Online-Spenden sind ab sofort möglich

Konten  Die Aktion Weihnachten freut sich über jede Spende. Die Konten lauten: Baden-Württembergische Bank, IBAN DE04 6005 0101 0002 3423 40, oder Schwäbische Bank, IBAN DE85 6002 0100 0000 0063 00.

Online  Über das Spendenportal stn-hilft.de kann man auch einfach und gezielt online spenden: per Sepa-Lastschriftverfahren, über den Zahlungsdienstleister Paypal oder über die Kreditkarte ist die Spende möglich.

Der Link zum Spendenportal lautet www.stn-hilft.de ,alle Artikel zur Spendenaktion finden Sie unter www.aktionweihnachten.de.