Zunächst ist Manny noch auf Besuch. Markus Pester nimmt ihn auf den Arm und startet mit ihm seinen Stationsrundgang am Cannstatter Standort des Stuttgarter Klinikums. Bei einer Patientin, die mit geschlossenen Augen in ihrem Rollstuhl sitzt, bleibt der pflegerische Bereichsleiter stehen. Freundlich und geduldig ermuntert er sie, die Augen zu öffnen – und hat Erfolg.
Der Blick der alten Dame fällt sofort auf den unbekannten Gast auf Pesters Arm. „Au, ein Kätzchen! Ist das aber eine liebe Katze. Ich hatte auch mal eine.“ Und schon ist Pester mit ihr im Gespräch, während Kater Manny auf ihrem Schoß schnurrt. Plötzlich aber bekommt die Frau Angst, sie könnte gekratzt werden. Pester nimmt das Tier wieder zu sich.
Dass es eine Roboter-Plüschkatze ist, spielt für die Patientinnen und Patienten auf der Demenzstation keine Rolle. Für sie ist es eine echte Katze, das zeigt sich beim Rundgang immer wieder. Manny schnurrt, miaut, hat ein weiches Fell, und man kann ihn streicheln. Und wie bei einer echten Katze, sind die Reaktionen unterschiedlich, es gibt auch Ablehnung. „Was soll das? Das gibt es doch nicht, so ein Ding einfach auf den Tisch zu setzen!“, schimpft etwa eine Patientin im Speiseraum empört.
Die Katze hilft, das Wohlbefinden zu steigern
In den meisten Fällen aber erreichen Pester und der leitende Oberarzt Stefan Spannhorst ihr Ziel: Sie wollen die Patientinnen und Patienten je nach Situation aktivieren und stimulieren oder beruhigen und ihnen helfen, sich zu entspannen. Kurz: Sie wollen ihr Wohlbefinden steigern, und zwar mit möglichst wenig Medikamenten.
Dabei hilft ihnen unter anderem die Roboter-Katze, mit der sie bereits seit etwa zwei Jahren liebäugeln. Schon länger bekannt und in der Behandlung von Demenzkranken im Einsatz ist die Roboter-Robbe Paro. Ein Tier schien zwar auch Pester und Spannhorst sinnvoll. Doch ging es ihnen auch darum, dass die Menschen an ihre Erfahrungen anknüpfen können. Und wer hat im Alltag schon eine Robbe um sich? Bei einer Katze – oder einem Hund – sieht das schon anders aus. „Die ist uns allen vertraut“, sagt Pester.
Der leitende Oberarzt Stefan Spannhorst
Foto: Klinikum Stuttgart
„Bei Demenzkranken ist es oft schwierig, den richtigen Weg zur Kommunikation zu finden. Die Menschen verlieren zum Teil ihre Sprache, sie sind hilflos und überfordert“, erklärt Spannhorst. Umso wichtiger ist es, Wege zu finden, um mit ihnen in Kontakt zu kommen und ihr Vertrauen zu gewinnen. Wenn die Umgebung aber immer weniger über den Verstand wahrgenommen werden kann, gewinnen Gefühl und Haptik zunehmend an Bedeutung, das „Be-greifen“ im Wortsinne wird immer wichtiger. Deshalb gibt es auf der Demenzstation beispielsweise auch „Fühlkunst“, also Bilder, die ausdrücklich dafür gedacht sind, betastet zu werden.
Der Speiseraum ist hell und freundlich: Eine angenehme Atmosphäre ist auf der Demenzstation besonders wichtig.
Foto: Martina Zick
Um auf der Station, die über 19 Betten verfügt, insgesamt eine möglichst angenehme Atmosphäre zu schaffen und die Orientierung zu erleichtern, sind die Gänge hell und kurz und führen um einen Lichthof. Es gibt wiederkehrende Bildmotive, überall hängen Kalender, die beiden Aufenthaltsräume sind ebenfalls hell und freundlich. Und es gibt seit Neuestem eben die Roboter-Katze. Für die dauerhafte Anschaffung mehrerer dieser Katzen hat die Station die Aktion Weihnachten um die Finanzierung gebeten.
Die Katze tut den alten Menschen – die meisten Patientinnen und Patienten sind zwischen 80 und 90 Jahre alt – nicht nur wegen des angenehm weichen Fells gut. Die Roboterkatze schnurrt auch – ganz, als würde sie sich wohl fühlen. „Die schnurrt schön“, stellt ein Mann lächelnd fest. Anfassen möchte er sie allerdings lieber nicht.
Eine vergleichsweise junge Frau – sie ist höchstens 60 – reagiert zunächst überhaupt nicht auf die Frage von Spannhorst, ob sie die Katze streicheln möchte, sondern setzt verhuscht und mit gesenktem Blick ihren Weg fort. Doch so schnell gibt der Psychiater und Neurologe nicht auf – und schafft es schließlich, dass sich die Frau auf einen Stuhl setzt, Kater Manny auf den Schoß nimmt und streichelt. Still sitzt sie da – und irgendwann huscht ein Lächeln über ihr Gesicht. Für Spannhorst und Pester ist das ein besonderer Moment – es ist das erste Mal überhaupt, dass sie die Patientin haben lächeln sehen.
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Konten Die Aktion Weihnachten freut sich über jede Spende. Die Konten lauten: Baden-Württembergische Bank, IBAN DE04 6005 0101 0002 3423 40, oder Schwäbische Bank, IBAN DE85 6002 0100 0000 0063 00.
Online Über das Spendenportal www.stn-hilft.de kann man auch einfach und gezielt online spenden: per Sepa-Lastschriftverfahren, über den Zahlungsdienstleister Paypal oder über die Kreditkarte ist die Spende möglich.
Der Link zum Spendenportal lautet www.stn-hilft.de, alle Artikel zur Spendenaktion finden Sie unter www.aktionweihnachten.de
