Trotz Depression – wenn Frau S. singt, ist sie glücklich

Wenn die Töne ihren Mund verlassen und alles um sie herum Musik ist, ist Frau S. glücklich. „I will follow him“, „Oh happy Day“, „Joyful, Joyful“ – typische Gospellieder singen sie in ihrem geliebten Chor jede Woche. „Das Singen gibt mir Kraft“, sagt Frau S.. Bei den Proben spüre sie eine Energie in sich, die ihr sonst fehlt.

Wie auch an diesem Tag. Frau S. geht langsam zu einem Stuhl in ihrem Wohnzimmer, ihre linke Hand zittert. Das liegt an ihrer Parkinson-Erkrankung. Die ist bereits fortgeschritten, sie sei viel zu spät erkannt worden. Die Ärzte hatten ihre körperlichen Probleme mit den psychischen Erkrankungen erklärt. Frau S. hat nicht nur eine posttraumatische Belastungsstörung und eine Persönlichkeitsstörung diagnostiziert bekommen, die zu Selbstverletzungen führt, sie leidet auch an Depressionen.

Frau S. habe „so ein gutes Herz“, sagt die Sozialarbeiterin

Die 57-jährige ehemalige Bürokauffrau ist schon lange erwerbsunfähig, lebt von einer kleinen Rente und aufstockend Grundsicherung. Sie hat wegen ihrer vielen Erkrankungen auf einen Pflegegrad gehofft, um mehr Unterstützung zuhause und Hilfe beim Einkauf zu bekommen, da sie nicht schwer tragen kann. Doch obwohl sie einen Schwerbehindertenausweis mit einem Grad der Behinderung von 70 und dem Merkzeichen G für gehbehindert hat, dazu die Diagnosen vom Psychiater, wurde ihr Antrag nicht bewilligt. Die Sozialarbeiterin eines Gemeindepsychiatrischen Zentrums (GPZ) aus der Region Stuttgart, die sie betreut, macht die Entscheidung wütend. Gerade für Frau S. tut es ihr leid. Diese habe „so ein warmes Herz“.

Die Sozialarbeiterin findet es bemerkenswert, dass Frau S. es trotz ihrer Depression geschafft hat, sich ein soziales Netz aufzubauen – auch mit Menschen außerhalb des GPZ, an das sie gut angebunden ist. „Ich bewundere Sie“, sagt die Mitarbeiterin zu ihrer Klientin. Frau S. geht nicht nur einmal die Woche zum Chor, sondern inzwischen auch noch zu einer Tanzgruppe. Dabei geht es darum, sich wieder mehr zu bewegen. Es ist eine ganz andere Art des Tanzes als der, den sie früher ausübte. Als junge Frau war sie bei Wettkämpfen im Standardtanz aufgetreten, davon zeugen Fotos an der Wohnzimmerwand. Sie wirken weit weg heute.

Auch Kinderzeichnungen hängen an den Wänden. Die Kinder von Frau S. kamen früh in eine Pflegefamilie. Wegen ihrer Depressionen konnte sich die Alleinerziehende nicht mehr gut genug um sie kümmern. „Das war eine ganz schwere Zeit für mich, denn ich wollte doch, aber ich hatte keine Kraft mehr.“ Ein traumatisches Erlebnis hatte ihr den Boden unter den Füßen gezogen. Ihre Tochter war ein Jahr alt, der Sohn fünf, als ihr Mann sie auf sehr unschöne Weise verließ. Nach zwei Jahren war Frau S. so gefangen in ihrer psychischen Erkrankung, dass das Jugendamt die Kinder in Obhut nahm.

Ihre Therapeuten meinen, dass damals ein altes Trauma wieder hoch kam und sie deshalb so schwer psychisch krank wurde, als sie verlassen wurde. Denn auch als Kind hatte sie sich sehr allein gefühlt. Ihre Eltern hätten ihr keine Liebe gezeigt. Wenn sie traurig war, wurde sie nicht getröstet. „Ich durfte nicht weinen.“ Gefühle zeigt man nicht, über Gefühle spricht man nicht – das sei die Devise ihrer Eltern gewesen. Auch regelmäßige Schläge gehörten zu deren Erziehung dazu. Frau S. pflegt einen anderen Stil.

„Ich habe meinen Kindern immer gesagt, dass ich sie liebe“, betont sie. Daran hätten die beiden nie zweifeln müssen. Sie habe einen guten Kontakt zu Tochter und Sohn. Die heute 14-Jährige komme fast jedes Wochenende zu ihr, den fast erwachsenen Sohn sieht sie altersbedingt seltener. Sie freut sich über die Besuche der Tochter. Verzweifelt macht sie, wenn sie nicht weiß, wovon sie die Lebensmittel für sie beide zusammen bezahlen soll. „Ich bekomme ja kein Kindergeld.“Sie hat sich schon von Freundinnen Geld leihen müssen.

Die Chorfreizeit ist der Höhepunkt im Jahr für Frau S.

Sie selbst bräuchte eigentlich dringend feste Winterschuhe. Auch eine regendichte Jacke müsste sie sich kaufen. Doch sie kann sich beides nicht leisten. Genauso wenig wie sie sich ihren größten Wunsch erfüllen kann: am nächsten Chorwochenende teilzunehmenden. Es ist für sie der Höhepunkt im Jahr. Von morgens bis abends machen sie das, was Frau S. Kraft gibt: singen, tanzen, in der Gemeinschaft sein. Doch den Teilnahmebeitrag kann sie nicht bezahlen. Das Gemeindepsychiatrische Zentrum hat sich deshalb an die Aktion Weihnachten gewandt mit der Bitte, die Teilnahme zu ermöglichen. Dazu stehen noch die benötigten Schuhe und die Jacke auf der Wunschliste. Wir wollen helfen.

So können Sie spenden

Spende Unter folgendem Link können Sie direkt und unkompliziert online für die Benefizaktion Aktion Weihnachten spenden: stn-hilft.de. Wer selbst überweisen will, die Konten lauten: Baden-Württembergische Bank, IBAN DE04 6005 0101 0002 3423 40, oder Schwäbische Bank, IBAN DE85 6002 0100 0000 0063 00. Sachspenden können wir aus logistischen Gründen leider nicht annehmen.

VereinDie Aktion Weihnachten leistet seit 54 Jahren unkompliziert Nothilfe. Außerdem fördert sie soziale Projekte in Stuttgart und der Region. Ermöglicht wird dies durch die großzügigen Spenden unserer Leserinnen und Leser sowie engagierter Unternehmen und Stiftungen. Alle Artikel zur laufenden Spendenaktion finden Sie unter www.aktionweihnachten.de.