„Warum kommt das Baby nicht mit nach Hause, Mama?“

Auf Fotos von vor einem Jahr hat Frau P. noch einen Babybauch. Aber durch ihre Wohnung krabbelt kein Baby. Frau P. versucht, nicht zu viel an ihr Sternenkind zu denken. Sie unterdrückt ihre Trauer, auch wenn sie weiß, dass diese wahrscheinlich irgendwann geballt hochkommt. Schließlich war das Baby, das sie verlor, „ein Wunschkind“. Doch sie müsse stark sein – für ihre lebenden Töchter, vier und neun Jahre alt. „Sie brauchen mich.“ Die beiden durften sich von ihrer Schwester verabschieden. Sie fragten, warum das Baby gestorben sei, warum sie es nicht mit nach Hause nehmen können. „Es ist jetzt im Himmel“, antwortete Frau P.

Es war ein kalter Tag Mitte Januar, als sie spürte, dass etwas nicht in Ordnung war. Der Geburtstermin nahte, doch es war ruhig in ihrem Bauch, viel zu ruhig. Sie ging ins Krankenhaus. Dort konnte man keinen Herzschlag feststellen. Vier Tage später brachte sie ihr Kind in der Geburtsklinik tot auf die Welt. Die Nabelschnur wies einen festen Knoten auf. Die Kleine war erstickt.

Partner hat Verlust des Kindes umgeworfen

Ihr Partner war schon davor in einer längeren psychischen Krise. Seine Mutter sei an einer langwierigen, schweren Krankheit gestorben, das habe ihn sehr mitgenommen. Der Verlust des dritten gemeinsamen Kindes habe ihn komplett umgeworfen. Er ist immer noch in einer psychiatrischen Klinik. Frau P. hofft, dass er sich bald stabilisiert hat. Noch drei bis vier Monate werde es dauern, dann soll er zurückkehren nach Hause. Aber er wird sicher noch länger nicht arbeiten können. Auch Frau P. ist gerade nicht arbeitsfähig. Sie hat eine diagnostizierte Panikstörung. Die Attacken kommen ganz plötzlich – das letzte Mal beim Essen einer Pizza. Sie hatte das Gefühl zu ersticken.

Mit ihrem Partner ist Frau P. seit zwölf Jahren zusammen. Sie sei eine „sehr treue“ Person. Sie hält an Beziehungen fest, auch wenn es schwierig wird. Vielleicht auch, weil sie als Kind so allein war in ihrer Familie. Das Verhältnis zu ihrer alleinerziehenden Mutter sei sehr belastet gewesen. „Sie hat keine Liebe gezeigt“, sagt Frau P., die oft körperliche Schläge einstecken musste. Ihre Kindheit arbeitet sie gerade in einer Therapie auf. Besonders schlimm sei es geworden, nachdem ihr Bruder geboren wurde. Sie selbst war damals acht Jahre alt und fühlte sich nicht mehr gesehen. Sie habe das mit Essen kompensiert. Ihre Mutter habe auf ihre Art auf die Essanfälle der Tochter reagiert: „Sie hat die Küche abgeschlossen.“

Einsamkeit und Vernachlässigung prägten die Kindheit von Frau P.

Überhaupt habe ihre Mutter die Geschwister immer wieder alleine gelassen. Sie besorgte keinen Babysitter. „Ich konnte nur ins Bad und ins Kinderzimmer, alles andere war zugeschlossen.“ Ihr Bruder sei im Alter von vier Jahren vom Jugendamt in Obhut genommen worden. Sie selbst habe rund ein Jahr später einen Hilferuf abgesetzt, weil sie es nicht mehr zu Hause ertrug. Sie kam in eine Wohngruppe, in der sie sich gut aufgehoben fühlte. Nur die Essanfälle im Geheimen blieben. „In der Öffentlichkeit habe ich mich nicht getraut zu essen.“ Aus Scham. Heute kennt sie den Namen der Essstörung, die sie so früh entwickelte: Binge Eating.

Mit 18 Jahren zog sie in eine eigene Wohnung. Damals habe sie viel Alkohol getrunken, Cannabis geraucht, auch andere Drogen probiert. Sie war orientierungslos, brach zwei Ausbildungen ab, arbeitete auf Mini-Jobbasis. Dann wurde sie vor neun Jahren Mutter und ihr war klar: Sie wollte da sein für ihr Kind und zwar klar im Kopf. Sie habe mit allem aufgehört: mit den Drogen, dem Alkohol, dem Rauchen. Die Essanfälle sind seltener geworden, seit sie sich den Magen hat verkleinern lassen, aber eine Essstörung legt man nicht einfach ab.

Zuletzt habe sich das Verhältnis zu ihrer Mutter gebessert. Als Frau P. nach der Entbindung allein da stand, sei diese für knapp fünf Monate zu ihr gezogen und habe sich tatsächlich gekümmert. Der Tod des Babys habe die Mutter sehr mitgenommen. Dass sie für Frau P. da war und auch noch Gefühle zeigte, hat Mutter und Tochter näher gebracht. Aber es sei gut, dass die Mutter wieder ausgezogen sei. Als sie da war, schlief sie auf dem durchgelegenen Sofa, das sonst dem Familienvater als Schlafstätte diente. Er sei lauter Schnarcher – ein gemeinsames Schlafzimmer komme nicht infrage.

Eine Familienhelferin kommt regelmäßig zu Frau P. und ihren Kindern. Die Wohnung ist klein und mit gebrauchten Möbeln bestückt. Die ältere Tochter schläft immer noch in einem 1,40 Meter langen Bett. Die Familienhelferin hat sich deshalb an die Aktion Weihnachten gewandt. Sie hat Geld für ein Einzelbett für die Neunjährige, für ein Schlafsofa sowie für Kleidung und Schuhe für die Kinder beantragt. Wir wollen helfen.

So können Sie spenden

Spende Unter folgendem Link können Sie direkt und unkompliziert online für die Benefizaktion Aktion Weihnachten spenden: www.stn-hilft.de. Wer selbst überweisen will, die Konten lauten: Baden-Württembergische Bank, IBAN DE04 6005 0101 0002 3423 40, oder Schwäbische Bank, IBAN DE85 6002 0100 0000 0063 00. Sachspenden können wir aus logistischen Gründen leider nicht annehmen.

VereinDie Aktion Weihnachten leistet seit 54 Jahren unkompliziert Nothilfe. Außerdem fördert sie soziale Projekte in Stuttgart und der Region. Ermöglicht wird dies durch die großzügigen Spenden unserer Leserinnen und Leser sowie engagierter Unternehmen und Stiftungen. Alle Artikel zur laufenden Spendenaktion finden Sie unter www.aktionweihnachten.de.