Der Raum ist abgedunkelt, Salzkristalllampen und elektrische Kerzen verströmen warmes Licht. Der Trubel des Tages ist hier ganz weit weg. „Ich möchte Dich einladen, in einen Sitz zu kommen, der Dir gut tut“, sagt Petra Nickel-Harrer mit ruhiger Stimme zu den Frauen, die vor ihr ihre Matten ausgerollt haben. Sie ist die Yoga-Lehrerin dieser besonderen Gruppe, die sich seit rund einem halben Jahr einmal die Woche in der Tagesstätte des Gemeindepsychiatrischen Zentrums (GPZ) Filder trifft.
Das Angebot ist nur für Frauen mit diagnostizierter posttraumatischer Belastungsstörung und konnte dank der finanziellen Unterstützung durch die Aktion Weihnachten ins Leben gerufen werden. Es ist ganz bewusst auf fünf Teilnehmerinnen beschränkt. Größere Gruppen zu besuchen wäre den Frauen nicht möglich. Das liegt an den traumatischen Erfahrungen, die sie gemacht haben.
In dieser Gruppe muss man sich nicht erklären
Ganz ruhig beginnt diese Stunde. Mit Atmen, mit Schauen, den Körper drehen, die Arme heben. Einige der Frauen haben in der Vergangenheit schon probiert, zu einer normalen Sportgruppe zu gehen. Wie Sabine, eine ehemalige Leistungssportlerin, die ein großes Bedürfnis nach Bewegung hat und sich oft wie eine Getriebene fühlt. Aber es ging nicht. Sie habe eine Panikattacke bekommen. Wäre sie geblieben, hätte sie sich „den Hals blutig“ gekratzt, erzählt sie. Also ging sie. Umso glücklicher ist Sabine über das Angebot im GPZ. Hier könne sie „einfach Mensch“ sein. Die anderen wüssten, wie es ihr geht. „Ich bin hier nicht allein mit meinem Schmerz.“
Den Frauen, die hier zusammen im Einklang ihre Körper bewegen und im gleichen Rhythmus ein- und ausatmen, muss sie sich nicht erklären. Alle wissen voneinander, dass sie schreckliche Erfahrungen in ihrem Leben machen mussten, die sie durch ihr weiteres Leben begleiten. In einer normalen Sportgruppe, sagt auch die Teilnehmerin Evelyn, verstünden die anderen gar nicht, wenn etwas nicht gehe. Da werde komisch geguckt, wenn man plötzlich rausgeht. Hier sei das anders. „Und es geht viel mehr, weil man weiß, es würde verstanden werden“, sagt die 36-Jährige.
Auch Evelyn ist eine ehemalige Leistungssportlerin. Sie hat Probleme, ihren eigenen Körper zu spüren und überschreitet bis heute immer wieder ihre Grenzen, kennt kein Limit – besonders im Sport. Den treibt sie stets exzessiv, kommt „mit Muskelkater“ zu dieser Gruppe, die eine ganz neue Erfahrung für sie ist. Denn hierher kommt sie freiwillig. Eigentlich ist Sport für sie mit Zwang verbunden. Es sei neu für sie, „es nicht tun zu müssen“.
Bis heute kann Evelyn es nicht ertragen, wenn ein Trainer oder eine Trainerin sie anfasst, um sie zum Beispiel zu korrigieren. Hier weiß sie, Petra Nickel-Harrer würde das nie tun. Sie würde auch nicht plötzlich von hinten auf sie zugehen, was Evelyn ebenfalls nicht erträgt. Trauma finde nicht nur im Kopf statt, erklärt die Teilnehmerin, sondern auch im Körper. Wenn sie ihre Flashbacks habe, sie also eingeholt wird von ihren Erlebnissen, bekomme sie blaue Flecken, ohne sich gestoßen zu haben. Als sie von „Schmerzen am ganzen Körper“ spricht, nickt Sabine, die neben ihr sitzt. Auch sie kennt diese Schmerzen nur zu gut.
Eine Teilnehmerin ist so belastet, dass sie nicht sprechen kann
Eine dritte Teilnehmerin ist beim Gespräch über die Gruppe dabei. Nadja hört nur zu. Sie ist so belastet, dass sie ihre Stimme verloren hat. Als die Sozialpädagogin Andrea Loh sie fragt, ob sie an ihrer Stelle ihren Namen nennen soll, nickt sie.
Auch das ist das Besondere an der Gruppe. Niemand muss hier sprechen. Auch wenn die, die es können, sich gerne über Alltägliches austauschen. Auch die angenehme Stimmung in der Gruppe tut den Frauen gut.
Andrea Loh und ihre Kollegin Rose Bey, die das Projekt ins Leben gerufen haben, betonen, dass es sich nicht um ein therapeutisches Angebot handelt. Sie sind glücklich, wie positiv die Gruppe auf ihre Klientinnen wirkt, was natürlich viel mit der Trainerin zu tun habe: „Petra ist ganz feinsinnig, vorsichtig und respektvoll“, sagt Andrea Loh. Das sei genau der Umgang, den die Klientinnen brauchten. Die Dankbarkeit ist jedenfalls groß, dass die Gruppe durch die Finanzspritze der Aktion Weihnachten ins Leben gerufen werden konnte. „Für mich ist das wie ein Lottogewinn“, sagt Sabine. Durch die Gruppe habe sie, die so viel Unruhe in sich hat, erfahren: „Auch ich darf die Möglichkeit haben, mich zu entspannen.“ Und egal wie furchtbar der Tag gewesen sei – „hier ist alles gut“.
So können Sie Spenden
Spende Unter diesem Link können Sie direkt und unkompliziert für die Benefizaktion Aktion Weihnachten spenden: stn-hilft.de. Wer selbst überweisen will, die Konten lauten: Baden-Württembergische Bank, IBAN DE04 6005 0101 0002 3423 40, oder Schwäbische Bank, IBAN DE85 6002 0100 0000 0063 00. Sachspenden können wir aus logistischen Gründen leider nicht annehmen.
VereinDie Aktion Weihnachten leistet seit 54 Jahren unkompliziert Nothilfe. Außerdem fördert sie soziale Projekte in Stuttgart und der Region. Ermöglicht wird dies durch die großzügigen Spenden unserer Leserinnen und Leser sowie engagierter Unternehmen und Stiftungen. Alle Artikel zur laufenden Spendenaktion finden Sie unter www.aktionweihnachten.de.
